Der Krieg und wir

Die Schweiz erzählt sich gerne als neutral. Die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum zeigt, wie tief Krieg trotzdem in unserer Geschichte steckt.

Gerade diese Fragen machen die Ausstellung gegenwärtig. Wo beginnt Verantwortung? Und wem gilt Schutz? Ein Blick richtet sich etwa auf die Asylpolitik: Während viele ukrainische Geflüchtete in der Schweiz den Schutzstatus S erhalten, warten Menschen aus Syrien oder Afghanistan oft lange auf Entscheide. Das Landesmuseum legt solche Unterschiede offen, ohne sie vorschnell aufzulösen – und konfrontiert die Besucher:innen damit.

So gibt es auch Momente, in denen grosse politische Fragen an kleinen Objekten hängen bleiben: an Gegenständen von Geflüchteten, an einem Kopftuch, an Alltagsdingen, die von Flucht erzählen. Oder an den Spuren von Widerstand in der Schweiz – etwa in Materialien der GSoA oder in der weissen Fahne des Friedensaktivisten Max Dätwyler.Sie zeigen, dass das Verhältnis von Teilen der Schweizer Bevölkerung zum Krieg nicht nur aus Neutralitätspolitik besteht, sondern auch aus Protest, Solidarität und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Neben historischen Stationen der Gründungszeit der Schweiz und alten Schlachten vergangener Jahrhunderte, bekommt auch die Schweizer Innenpolitik ihren Platz. Fotos von 1918 erinnern an den Landesstreik in Grenchen, als drei Streikende erschossen wurden. Gleichzeitig gehören damalige Forderungen auf einem Flugblatt wie die 48-Stunden-Woche, die Alters- und Invalidenversicherung oder das Frauenstimmrecht heute zum politischen Gedächtnis des Landes. Besonders eindrücklich ist auch die Klanginstallation am Ende der Ausstellung. In der Installation «Repeat after Me» erinnern ukrainische Geflüchtete an die Geräusche des Krieges, indem sie Schüsse, Artilleriefeuer und Sirenen mit der eigenen Stimme nachahmen.

Nicht jede Station eröffnet völlig neue Erkenntnisse. Vieles hat man vielleicht schon einmal gehört, gelesen oder gelernt. Aber die Stärke der Ausstellung liegt darin, diese Facetten nebeneinander sichtbar zu machen. Sie zeigt, dass Krieg nicht einfach «der Krieg der anderen» ist. Er wirkt in Handelsbeziehungen, Asylentscheiden, persönlichen Geschichten, Abstimmungen und politischen Selbstbildern weiter. Am Ende bleibt vielleicht weniger eine klare Antwort als eine Verschiebung des Blicks. Eine, die zeigt, dass Kriege auch in der Schweiz Spuren hinterlassen. Selbst dann, wenn sie anderswo geführt werden.

Keyvisual der Ausstellung «Wir und der Krieg». Foto (Ausschnitt): Christian Schwager, Infanteriebunker Ratenpass

Landesmuseum Zürich

Wir und der Krieg

Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis ...

Bis zum 17.01.2027

Von Viviane L. Tuvera am 14. Mai 2026 veröffentlicht.

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