Meine Phobie vor minimalem Bühnenbild

Redaktion Kyros Kikos
Redaktion Kyros Kikos

Von «...minimalem Bühnenbild und maximalem Focus auf Text und das Schauspiel» lese ich und mache mich auf Anstrengendes gefasst. Es kam anders.

Ich steige die Stufen zur heimelig anmutenden Kellerbühne der Winkelwiese hinab und bin schon in diesem Moment von der Anordnung diverser trashig wirkender Utensilien angetan, die auf der Bühnenfläche verteilt sind und später zum Einsatz kommen werden. Unter «minimal» hatte ich schon die nackten Steine des Gewölbes befürchtet, die karg und kalt, ermüdende Monologe umrahmen.

Beruhigt gebe ich mich Text und Schauspiel hin, um bald die volle Hinterlist der Stückbeschreibung zu begreifen, die Gesang, Tanz und Projektion glatt unterschlagen hat. All diese Komponenten fügen sich leicht, elegant und verspielt ineinander, ohne jemals «zuviel» zu sein. Lucy Wirth, Ann Mayer und Roger Bonjour switchen so gekonnt zwischen den Stilelementen, dass der Spass, den sie offenbar dabei haben, deutlich spürbar ist.

Vergnügen bereitet auch der Text: Walter ist verschwunden und die Drei auf der Bühne versuchen sich an der Rekonstruktion des Falls. Wie ist er verschwunden? Warum? Wer war Walter überhaupt? Oder ist er sogar noch? Hört sich nach linearer Detektivgeschichte an, ist es aber nicht.

Fragmente unterschiedlichster Abgangsszenarien von Walter werden angeführt, gekoppelt an die Frage nach seinem Wesen, seiner Funktion, seinem Charakter, seinem Sein. Als Nachruf, als Pamphlet, als Kapitalismuskritik, als Beschimpfung, als Spekulation, als Wahlwerbung, als Sehnsucht. All das geht mal fliessend, mal abrupt ineinander über und bietet dem Bühnentrio die ständige Möglichkeit zum Rollenwechsel. Der Umgang mit Sprache und deren Rhythmus erinnern in den besten Momenten – und davon gibt es einige – an René Pollesch. Am Ende verlasse ich das Theater mit einem dicken Grinsen und dem Erstaunen darüber, wie rasch 70 Minuten dahinhuschen können.

Entstanden ist «Wer ist Walter» von Ariane Koch 2013/14 im Rahmen vom DRAMENPROZESSOR, einem Ausbildungsprogramm der Winkelwiese für szenisches Schreiben, das offensichtlich ein grosser Erfolg zu sein scheint. Ob dem so ist, lässt sich künftig leicht feststellen, denn die Regisseurin Barbara Weber plant langfristig eine Reihe mit Stücken aus dem DRAMENPROZESSOR – und auch diese mit «...minimalem Bühnenbild und maximalem Focus auf Text und das Schauspiel».

Fotos: Philine Erni

Von Kyros Kikos am 06. Oktober 2022 veröffentlicht.

Mehr von unseren Scouts

Welche Musik erinnert dich an deine Mutter, Peter Mettler?
08.10.2026

Welche Musik erinnert dich an deine Mutter, Peter Mettler?

Ein Playlist-Interview mit dem Filmemacher und Gewinner des Zürcher Filmpreises über die Macht der Musik nach Abschieden, beim Erinnern und in Trance.

Rio Wolta
Rio Wolta
Wo liegt die Zukunft des Kinos? 31 schnelle Fragen an die Kinos Riffraff und Houdini
17.09.2026

Wo liegt die Zukunft des Kinos? 31 schnelle Fragen an die Kinos Riffraff und Houdini

In den Kinos Riffraff und Houdini beginnt der Kinoabend am Mittag, sie wünschen sich mehr Gwunder für Zürich, haben 45 Mitarbeitende und stellen sich unserem Verhör.

Kulturzüri
Kulturzüri
Er sagt | Sie sagt: Trash oder Treasure?
04.06.2026

Er sagt | Sie sagt: Trash oder Treasure?

Den Begriff Kreislaufwirtschaft verwendet Rebekka erst seit kurzem, das Konzept dahinter versteht sie aber bereits seit Jahren. Bei Sebastian ist es umgekehrt.

Rebekka & Sebastian
Rebekka & Sebastian

Mehr von deinen Scouts

Silvan Preisig
Silvan Preisig
Sari Pamer
Sari Pamer
Coucou Kulturmagazin
Coucou Kulturmagazin
Eva Hediger
Eva Hediger
Daniela Bär
Daniela Bär
David Suivez
David Suivez
Alle Scouts